Wie lange dauert im Schnitt die Entwicklung eines neuen Medikaments – und weshalb können Impfstoffe gegen ein bekanntes Virus in der Regel viel schneller auf den Markt gebracht werden? Die Themen des ersten wissenschaftlichen Webinars der Else Kröner Fellows hätten kaum aktueller sein können.


Weil die Summerschool der Else Kröner Fellowship wegen der Corona-Sicherheitsmaßnahmen nicht wie geplant an der Medizinischen Universität Wien stattfinden konnte, wurden zwei wissenschaftliche Vorträge des Programms kurzerhand ins Netz verlegt. Beim morgendlichen Webinar am 16. Mai ging es um den Darm und um Medikamentenforschung. 15 gespannte Fellows hatten sich zugeschaltet, Vortragende waren Prof. Dr. Eva Untersmayr-Elsenhuber, Fachärztin für klinische Immunologie, und der Physiologe und Pharmazeut Dr. Martin Schepelmann. Beide forschen am Institut für Pathophysiologie und Immunologie der Medizinischen Universität Wien.

Den Auftakt bildete der Vortrag „Der Darm – unser größtes Immunorgan“ von Prof. Untersmayr-Elsenhuber. Sie referierte nicht nur erstaunliche Fakten: Wer weiß schon, dass 40 Prozent der Körperenergie für den Darm aufgewendet werden und dass die Oberfläche dieses Organs bei einem erwachsenen Mann rund 400 Quadratmeter einnehmen würde? Danach ging es in medias res: Die Fellows wurden mit Struktur und Funktionsweise der „Darmbarriere“ bekannt gemacht und lernten, welche Rolle Darmbakterien haben bzw. dass das Fehlen einer großen Bakterien-Vielfalt bei der Entwicklung von Allergien mitspielt. Auch die Wirkungsweise von Immunzellen und der Immunabwehr im Darm wurden von Prof. Untersmayr-Elsenhuber anhand von Diagrammen und schematischen Darstellungen sehr anschaulich erklärt.

In der Fragerunde ging es lebhaft zu. Die Fellows wollten natürlich wissen, was man machen kann, damit der Darm gesund bleibt. Die Referentin erläuterte, dass eine gesunde, ausgewogene Ernährung eine wichtige Rolle spielt. Prof. Untersmayr-Elsenhuber bestätigte anhand empirischer Daten auch, dass Lebensmittel-Allergien in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren nicht nur „gefühlt“, sondern tatsächlich zugenommen haben.


Zum Thema „Arzneimittel in aller Munde - von der Grundlagenforschung zum neuen Medikament“ referierte Dr. Martin Schepelmann. Auf humorvolle Weise brachte er den Fellows nahe, wie viel Geduld und Fachjournal-Lektüre die moderne Pharmaforschung einem Forscher abverlangt. Die Realität sei leider weniger hochglanzpoliert, als es die Bilder von Wissenschaftlern in Hochsicherheits-Labors vermuten lassen, die man jetzt in der Corona-Pandemie so häufig sehe. Die Entwicklung eines wirkstoffneuen Medikaments dauere im Schnitt elf bis 15 Jahre, machte Dr. Schepelmann deutlich und erklärte die damit verbundenen Phasen: Von der Grundlagenforschung über die präklinische Phase und drei klinische Phasen bis zur Zulassung und zur Langzeit-Dokumentation von Nebenwirkungen, wenn das Arzneimittel auf dem Markt ist.


Fragen der Fellows nach dem weltweit ersehnten Impfstoff gegen das neuartige Corona-Virus drängten sich bei diesem Thema auf. Weshalb besteht die berechtigte Hoffnung, dass der Impfstoff zeitnah, vielleicht schon Ende des Jahres 2020, zur Verfügung steht? Sehr anschaulich erklärte der Wissenschaftler, dass eine Impfung gegen identifizierte Viren keine Wirkstofffindung wie bei konventionellen Medikamenten verlangt und damit den langwierigsten Teil der Pharmaforschung überspringen kann. „Es reicht, solche Bestandteile des Virus zu isolieren, die die Immunabwehr des Körpers aktivieren.“ Deshalb könne man auch relativ schnell Impfstoffe gegen neue Grippeviren produzieren, die eine Mutation bekannter Viren darstellen.


Fazit: Mehrstündige Video-Konferenzen können hochspannend sein – auch wenn sie eine Reise nach Wien und das persönliche Gespräch mit Ärzten und Wissenschaftlern natürlich nicht ersetzen. Das Webinar für die Else Kröner Fellows in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Universität Wien findet eine Fortsetzung. Dann wird Prof. Enikö Kallay über „Die Herausforderungen der Krebsforschung“ sprechen. Prof. Isabella Ellinger referiert über „Die Plazenta - das vielseitige Organ am Anfang unseres Lebens.“