Für mehr als sieben Wochen waren alle Schulen in Deutschland geschlossen. Schülerinnen und Schüler lernten „im Homeoffice“, erhielten Hausaufgaben und Arbeitsblätter über digitale Lernplattformen, über Klassenchats und Rundmails. Auch in der nächsten Zeit wird das Lernen zuhause für viele Kinder und Jugendliche zum neuen, ungewöhnlichen Alltag gehören. Wie geht es ihnen damit?

Hier berichtet die 16-jährige Alina. Sie ist Stipendiatin der Roland Berger Stiftung, besucht ein Gymnasium in Hamburg und hat eine zwei Jahre jüngere Schwester. Alina ist schon länger kreativ im Internet unterwegs, auch als Autorin, sie schreibt und postet viel auf Instagram. 

Wenn online nichts mehr geht

30. Mai 2020: Eine Schwierigkeit beim digitalen Lernen ist, wenn das Digitale wegfällt. Wenn das Internet beziehungsweise Wlan streikt.

Was macht man, wenn man weder auf E-Mails noch auf die Schulplatform zugreifen kann?

Ich habe zuerst gelesen. Ich lese gerne, kann Stunden damit zubringen. Aber irgendwann kann selbst ich nicht mehr lesen und brauche Abwechslung. Also haben wir gebacken, besser gesagt meine Schwester hat gebacken, und ich habe aus einem Buch vorgelesen.

Und dann? Ich schreibe an mehreren Tagebucheinträgen, die überfällig sind. Plötzlich tippen, tippen, tippen meine Finger, und die Worte fließen. Nur geht auch das irgendwann zuende, das hier ist der letzte Eintrag für heute. 

Was mache ich danach? Was kann ich tun, ohne dafür ins Internet zu müssen? Fragen über Fragen, keine Antwort. Ich kann sie ja nicht mal mehr googlen. 

Bleibt wohl nur noch das Bearbeiten von den letzten übriggebliebenen Zetteln. Sehr bald ist wieder Unterricht in der Schule. Ich würde gerne das Gesicht meines Gestern-Ichs sehen, wenn man ihm gesagt hätte, dass es morgen gerne zur Schule gehen wird. 

Tu was Du willst, aber sitze im Klassenraum!

26. Mai 2020: Gestern ist die Schule wieder gestartet. So richtig gestartet, mit sechs Doppelstunden und zwei Pausen.

Ich verstehe nicht, was man sich bei dem jetzigen Plan gedacht hat. Abwechselnd gehen wir zur Schule – diese Woche meine Gruppe am Montag, Mittwoch und Freitag, die zweite Gruppe an den anderen Tagen. Nächste Woche dann andersherum. Das finde ich alles verständlich. Aber uns Zehntklässlern, deren Noten gestern offiziell eingetragen wurden – das heißt, es gibt keine Möglichkeit mehr, sie durch Mitarbeit imUnterricht zu ändern - zu zwingen, nur im Klassenraum zu sitzen, wobei wir nicht einmal Stoff zu bearbeiten haben … das nervt mich.

Zum ersten Mal während dieser Corona-Krise bin ich genervt.

Unterrichtsfächer, die klassenübergreifend sind wie das Fach Sport, sind gestrichen. Stattdessen sollen wir Schüler in unserer jeweiligen Gruppe im Klassenraum mit einer Aufsicht sitzen und Aufgaben anderer Fächer bearbeiten. Alles schön und gut, würde das keine fünf Stunden dauern!

Vergeudete Zeit. Zeit, in der ich wichtige Dinge erledigen könnte. Zeit, die ich ins Lernen oder Wiederholen investieren könnte - ohne dafür um halb sieben aufzustehen. So muss ich um zehn nach acht auf dem Vorplatz des Schulgebäudes stehen, wo wir vom Lehrer / von der Lehrerin abgeholt und zur Klasse geführt werden. Und dann „Arbeitszeit“ zu haben. Arbeitszeit, die mir eher wie ein Zeit-Absitzen erscheint. Ich darf auch lesen, wurde mir gesagt. Ich darf auch meinen Laptop mitbringen. Ich darf machen, was ich will, das aber unbedingt im Klassenraum. Wo ist da der Sinn?

„Damit ihr hier seid“, wurde mir gesagt. Und das verstehe ich nicht. 

„Damit Ihr Stoff wiederholen oder nachholen könnt“, wurde mir gesagt.

Das sehe ich ein, bezogen auf Fächer wie Mathe. Zum Matheunterricht würde ich auch ohne zu zögern gehen. Aber „Arbeitszeit“ ist kein Mathe. Arbeitszeit ist verschwendete Zeit. Wenn ich eins in den letzten acht Wochen gelernt habe, dann dies: dass Zeit wertvoll ist. Man muss auf sie aufpassen, weil sie niemals zurückzuholen ist.

Immerhin sind es nicht mal mehr vier Wochen, bis die Sommerferien beginnen und ich mir meine Zeit wieder frei einteilen kann. Noch knapp vier Wochen, in denen ich mal an drei, mal an zwei Tagen diesem … interessanten Plan folgen muss.

Ich bin dankbar, dass es nur vier Wochen sind.

Was mich die Corona-Zeit gelehrt hat: Zeitmanagement

15. Mai 2020: Von vielen Seiten höre ich, dass sie sich auf die Schule freuen, dass sie sich auf den Präsenzunterricht freuen. Auf den richtigen Unterricht. Ich fühle nicht so. 

Dass wieder die Möglichkeit besteht, mir von meiner Mathelehrerin ein paar Dinge erklären zu lassen, dafür bin ich schon dankbar. Dass ich die Lehrer und Lehrerinnen wiedersehe, finde ich nett. Aber mich freuen? So richtig froh und erleichtert bin ich nicht. Nicht wie die anderen.

Mir hat die Corona-Zeit geholfen. Ich habe noch nie so selbstständig arbeiten müssen. Habe mich noch nie so sehr selbst organisiert und strukturiert. Und ich habe noch nie so viele Stunden am Schreibtisch gesessen. Früher habe ich spätestens gegen achtzehn Uhr meine Schulsachen weggelegt und gelesen. Oder Serien angeschaut. In den letzten Wochen kam das nicht oft vor. Ich saß bis zwanzig Uhr und noch länger beim Erstellen meiner Notizzettel, beim Übertragen von Informationen und Merksätzen. Beim Bearbeiten von Hausaufgaben. 

Tatsächlich: Ich habe noch nie so gut gelernt wie in den letzten Wochen, war noch nie so konzentriert und habe mich dabei so gut gefühlt. Es ist schwierig zu erklären, so, wie es fast immer mit Gefühlen ist. Ich trage mehr Verantwortung für mich als sonst, für mein Lernen. Erst musste ich mir einen Überblick verschaffen, musste mir Kontrolle erkämpfen. Dann ging es darum, diese Kontrolle beizubehalten. Nicht locker zu lassen. Mich nicht von der Situation erdrücken zu lassen. 

Es tut so gut zu wissen, nicht kleinbeigegeben zu haben. Erkannt zu haben: Zeitmanagement ist der Schlüssel. Der Schlüssel, der mich Aufgabe für Aufgabe weiterbringt. Der mich entlang eines schmalen Grats balancieren lässt: Kontrolle oder Kontrollverlust? Klar: Ich bin auch hingefallen und habe verzweifelt auf das Chaos unter, über und um mich herum geschaut. Ich habe geweint. Mich gefragt, wie ich das alles schaffen soll. Habe mich von Aufgaben, die kein Gewicht haben, erdrücken lassen. Von ihrer Menge ohne wirkliche Bedeutung. Nur nicht unterkriegen lassen …

Ich bin während der Corona-Krise gewachsen und schlauer geworden, ganz ohne einen Klassenraum. 

Im Gänsemarsch

28. April 2020: Nie hätte ich gedacht, dass Unterricht im Schulgebäude etwas Besonderes sein könnte. Doch genau so hat es sich für mich angefühlt, als ich nach sechs Wochen Homeschooling zum ersten Mal wieder das Schulgelände betreten habe. 

Für zwei Tage haben erst einmal nur wir Zehntklässler Präsenzunterricht – als Testdurchlauf sozusagen, um zu sehen, wie die verschiedenen Hygieneregeln und anderen Maßnahmen zum Schutz eingehalten werden. Jede Klasse wurde in zwei Gruppen geteilt und hat zu individuellen Zeiten Unterricht. Die erste Gruppe meiner Klasse, zu der glücklicherweise auch ich gehöre, wurde gegen 8.15 Uhr von unserem Lehrer zu dem uns zugeteilten Klassenraum geführt. Alle in Schutzmasken, während wir ihm mit 1,5 Meter Abstand wie Küken einer Gänsemama folgten. Keine Sekunde lang konnte ich uns ernst nehmen – ich fand mich mit der Schutzmaske ohnehin schon lächerlich, ich trug meine zum ersten Mal, und es war ziemlich ungewohnt. Die ganze Sache kam wir einfach absurd vor, und ich musste ständig lachen, was definitiv gutgetan hat! Das Lachen hat der Situation das Gefühl von Ungewissheit und Anspannung genommen, da niemand von uns wusste, worauf er oder sie sich gerade einlässt.

Im Gebäude durften wir nur auf der linken Seite die Treppe hinauf und sollten uns auch sonst an die Markierungen auf dem Boden halten. Heute natürlich noch nicht so streng wie nächste Woche, wenn nicht nur unser Jahrgang präsent ist, sondern auch die Oberstufe und die Sechstklässler wieder auf dem Gelände sind.

Nach 20-sekündigem Händewaschen – die Toilettenräume einzeln betretend – konnten wir uns einen Platz aussuchen, der ab jetzt fest ‚unserer‘ ist, was die extra angefertigten Aufkleber mit unseren Namen auf der Tischfläche nochmals unterstreichen. 

Der Unterricht verlief dann anders, als ich erwartet hatte. Ich nahm nämlich an, wir würden die Aufträge der letzten Wochen besprechen oder die Antworten und Ergebnisse vergleichen. Stattdessen haben wir uns zunächst darüber unterhalten, wie es uns in der momentanen Lage ergeht, ob wir zurechtkommen oder im Stress versinken. Als es dann loszugehen schien, erklärte der Lehrer, dass wir jetzt einen Dokumentarfilm ansehen. Ich konnte nicht anders, als meinen Mitschüler*innen einen Blick zuzuwerfen – wir alle unterdrückten ein Grinsen. Nach wochenlangem Onlineunterricht und Netflixschauen rechnet man weniger mit einem Film in der ersten Unterrichtsstunde, auch wenn der zum behandelten Thema passt.

Um viertel vor zehn sind wir dann erneut dem Lehrer hinterhergedackelt und wurden auf dem Parkplatz der Schule verabschiedet. Der entspannteste Unterricht überhaupt war beendet. Wir alle haben uns noch gewundert, dass wir schon Schluss haben. Immerhin kam die zweite Gruppe erst um 11:00 Uhr. Wie sich nach einem Anruf meines Lehrers herausstellte, der mich erreichte, als ich durch die Haustür trat, hatte er uns zu früh gehen lassen. Das beweist wohl, wie neu und ungewöhnlich die Situation ist. Dass nicht nur die Schüler*innen damit zu kämpfen haben und sich umstellen müssen, sondern auch unsere Lehrkräfte.

Der innere Schweinehund sieht doppelt

17. April 2020: Heute habe ich mir einen Tag Freizeit genommen. Angesichts der vielen Deadlines, die mir im Nacken sitzen, war das vielleicht nicht meine beste Idee. Trotzdem. Sich einen Tag lang nicht um Schulaufgaben kümmern, sondern mit meinen Freundinnen telefonieren, schreiben und Zeit für meine Hobbies haben. 

Man sollte meinen, dass die Quarantäne Zeit für alles Mögliche lässt, jeden Tag. Ich aber habe manchmal das Gefühl, gegen einen stetigen Wasserstrom anzuschwimmen. Die zu erledigenden Aufgaben werden einfach nicht weniger – und leider auch nicht kürzer. Auch wenn ich mir eine Pause nehme, kreisen meine Gedanken um die Schule. Irgendwie ist es paradox: die Schulen sind geschlossen, es findet kein Unterricht statt. Wir Schülerinnen und Schüler eignen uns den Lernstoff zu Hause selbstständig an. Der Ort, der sonst für das Entspannen und Loslassen steht, hat seine Wirkung verloren. Manchmal erscheint es mir, als hätte sich die Menge an Aufgaben, die wir im Unterricht erarbeitet haben, verdoppelt. Als würde die doppelte Schule in meinem Wohnzimmer sitzen, mir immer vor Augen. Definitiv einer der weniger schönen Seiten am Homeschooling.

Ich lerne immer besser, Verlockungen und Ablenkungen zu widerstehen und mich in Produktivität zu stürzen. Von Tag zu Tag lerne ich besser, meine Selbstorganisation aufrecht zu erhalten. Ich habe das Gefühl, etwas erledigen zu müssen, sobald ich an einem Tisch vorbeikomme. Meine Zeit sinnvoll zu nutzen. 

Wenn ich meinen Platz am Schreibtisch verlasse, ist es meistens schon später Nachmittag. In den restlichen Stunden des Tages nehme ich dann entweder ein Buch zur Hand oder schreibe an meinem Roman weiter. Oder ich versuche mich zu entspannen und zufrieden auf den Tag zurückzublicken. Das bin ich meistens auch: Zufrieden und stolz, meinem inneren Schweinehund nicht nachgegeben zu haben.

Heute ist es anders. Heute bin ich einfach nur ich und lasse mich durch den Tag treiben. Einfach nur durchatmen muss auch mal sein.

Ostern 2020

Ein weiterer Tag in Quarantäne. Ein weiterer Tag während der Corona-Krise, die uns zwingt, zu Hause zu bleiben. Kein Treffen mit Freunden. Kein Rausgehen. Die Freiheit ist eingeschränkt. Kein Wunder, dass die Situation vielen wie ein Albtraum vorkommt. Für viele hat sich das Leben um mehr als 180 Grad gewendet. Für viele steht die Welt Kopf, während es mir im letzten Monat eigentlich ganz gut ging. Die Umstände und das Wissen um ein ansteckendes und für manche Menschen tödliches Virus sind natürlich erschreckend. Dennoch bin ich zuversichtlich.

Vielleicht liegt es daran, dass ich mich nicht eingeschränkt fühle. Die Hobbies, denen ich vor Corona nachgegangen bin, sind noch immer Teil meines Alltags. Die Aufgaben, die ich vor der Ausgangssperre erledigt habe, sind nach wie vor zu tun. Während die halbe Welt in eigenen oder fremden Wänden eingesperrt ist, kann ich mein Leben mit minimaler Umstellung weiterleben wie zuvor. Und ich weiß, dass das ein großes Glück ist. 

Ich weiß, dass ich Glück habe, weil sich meine Freiheit durch meine Aktivitäten im Internet ausdrückt. Den meisten meiner Mitschülerinnen und Mitschüler fällt schon seit langem die Decke auf den Kopf, ich dagegen genieße die viele Zeit, die ich nun zur Verfügung habe, auch wenn sie sich fast jeden Tag gleich gestaltet.

Die Schulaufgaben fliegen täglich ein. Ich habe mich noch nie so häufig auf der Internetplattform, die meine Schule als Verbindung zwischen Lehrern und Schülern bereits seit Jahren nutzt, aufgehalten. Sowohl mit meinem Handy als auch mit meinem Laptop kann ich mit den Lehrkräften kommunizieren und auf die Aufgaben zugreifen, die ich auf dem Laptop bearbeite und abschicke. 

Sich daran zu gewöhnen und einen Überblick zu verschaffen, war anfangs schwierig – und das sage ich, als ziemlich strukturierte und gut organisierte Person. Die Abgabetermine für die Aufsätze und Arbeitsblätter häuften sich plötzlich, und ich fühlte mich überfordert. Normalerweise notiere ich alles ordentlich in meinem Schulplaner. Normalerweise bekomme ich es aber auch mit, wenn eine Hausaufgabe angekündigt wird. Jetzt taucht nur irgendwann eine Mitteilung auf meinem Handy, auf und ich muss zusehen, dass ich nichts übersehe und in meinen neuen Kalender eintrage.

Mit Hilfe von To-Do-Listen, die ich teilweise handschriftlich, teilweise digital anfertige, habe ich wieder die Kontrolle gewonnen, sodass mein Alltag durchschnittlich aus vier bis fünf Stunden Lernen und Schulaufgabenerledigen besteht. Besonders an den Tagen, an denen ich bis zu acht Stunden mit Stift, Papier und Laptop dasitze, freue ich mich über die neuen Newsletter der Stiftung, die immer ein guter Grund zum Pausemachen sind. Von meinen Freunden, die ich beim Deutschen Schülerstipendium gewonnen habe, höre ich auch oft, dass sie das IPad der Stiftung benutzen. Sei es, um E-Mails zu beantworten, oder um mit einer der zur Verfügung gestellten Lernplattformen zu lernen. 

Ich wünschte, ich könnte mich mit meinen im Norden verteilten Freunden treffen. Ich wünschte, das Virus würde uns nicht unsere Seminare und Treffmöglichkeiten nehmen. Umso froher macht es mich, dass Herr von Samson und Frau Saßmannshausen sich davon nicht aufhalten lassen und die Newsletter verschicken, in denen jedes Mal ein netter Zeitvertreib enthalten ist; unter anderem waren schon Sketchnotes zum Thema Dankbarkeit und eine Sodoku-Challenge dabei. 

Ich bin gespannt, was die restlichen Wochen der Quarantäne bringen. Ich habe einiges für die Schule zu tun, somit wird dieser Teil bestehen bleiben, was jedoch nichts daran ändert, dass sich jeder Tag wie eine neue Achterbahnfahrt anfühlt – mal hektischer, mal drunter, mal drüber.