Aus Wuhan wurde Dortmund

 

Gäbe es die Covid-19-Pandemie nicht, hätte die angehende Ärztin Aycan Bogazliyan im Februar eine Famulatur in der chinesischen Stadt Wuhan absolviert. Es kam bekanntlich anders. Jetzt arbeitet Aycan ehrenamtlich bei der Hotline des Gesundheitsamtes Dortmund und bereitet sich auf ihren Einsatz in der Notaufnahme eines Essener Krankenhauses vor.

Aycan studiert im 7. Semester Humanmedizin an der Universität Duisburg-Essen. Sie war von 2013 bis 2015 Stipendiatin der Roland Berger Stiftung, der sie als Betreuerin und Alumna im Fachbeirat der Else-Kröner-Fellowship weiterhin verbunden ist. 

 

Liebe Frau Bogazliyan, Sie haben eine besondere Beziehung zur chinesischen Stadt Wuhan, wo sich das Corona-Virus erstmals massenhaft ausgebreitet hat. Wie kam es dazu?

Ich hatte geplant, im Februar eine einmonatige Famulatur in Wuhan zu beginnen. Diese Möglichkeit hat sich eröffnet, weil es eine Kooperation zwischen meiner Universität Duisburg-Essen und der Universität Huazhong in Wuhan gibt. Vergangenen Herbst hatte ich schon alles vorbereitet. Das heißt, als noch keine Rede von einem Corona-Virus war. Meine Flugtickets waren gekauft, mein Visum erteilt. Dann kam Anfang Januar von der chinesischen Universität die Rückmeldung, dass die Lage sich stark verschlechtert habe und dass es dem Krankenhaus nicht möglich sei, ausländische Studierende zu betreuen. Damit fiel meine Famulatur in Wuhan ins Wasser – und die Stadt, von der andere Menschen noch nie gehört hatten, wurde zum Gesprächsthema Nummer eins.

Was haben Sie stattdessen gemacht?

Es war mir möglich, meine Famulatur in Deutschland zu absolvieren. Im Nachhinein bin ich damit nicht unzufrieden. Ich habe eine sehr lehrreiche Zeit in der Notaufnahme der Orthopädie und Unfallchirurgie des Klinikums Nord in Dortmund verbracht und sehr viele praktische Kompetenzen erworben, die mir demnächst als Studentische Hilfskraft in der Notaufnahme enorm helfen werden!

Sie werden in der Notaufnahme eines Krankenhauses arbeiten?

Ja, denn nach meiner Famulatur stellte sich heraus, dass der Semesterbeginn Corona-bedingt verschoben wird.  Damit hatte ich bis auf eine Klausur, für die ich lernte, nicht viel zu tun. Und ich hatte das starke Bedürfnis, mich nützlich zu machen. Als Medizinstudentin freut man sich einfach, wenn man als Helfer gefragt ist und das medizinische Wissen, das man im Laufe des Studiums erworben hat, endlich in der Praxis umsetzen kann.

Wie kommen die Freiwilligen auf die Stellen, wo sie gebraucht werden? Das alles konnte ja nicht lange im Voraus geplant werden.

Ich habe mich auf diversen Plattformen als Helferin eingetragen: Zum Beispiel auf Match4Healthcare und auf der von der Bvmd (Bundesvertretung für Medizinstudierende) und dem BVÖGD (Bundesverband des öffentlichen Gesundheitsdienstes) initiierten Freiwilligenbörse Medis4ÖGD. Letztere stellt den Kontakt zwischen Medizinstudierenden und Gesundheitsämtern her. Nach kurzer Zeit kam dann vom hiesigen Gesundheitsamt die Rückmeldung, dass ehrenamtliche Helfer gebraucht werden. 

Was genau ist Ihre Aufgabe beim Gesundheitsamt Dortmund? 

Ich arbeite hauptsächlich für die Corona-Hotline. Da telefoniere ich mit Menschen, die besorgt sind, Covid-infiziert zu sein. Und mit solchen, die wissen, dass sie infiziert sind. Die Fragen beziehen sich auf Abstriche, Quarantänebedingungen, Bescheinigungen, Sonderregelungen, Vorgehen bei Reiserückkehr aus dem Ausland und vieles mehr. Es rufen auch Arbeitgeber an, die Informationen über Hygienebestimmungen in ihrem Unternehmen haben wollen. 

Haben Sie das ersehnte Gefühl, nützlich zu sein?

Auf jeden Fall. Für mich ist es auch eine neue Erfahrung, einmal nicht im Krankenhaus zu sein, sondern in einem Büro hinterm Schreibtisch. Die ersten Tage bekam ich einen Stapel von Papieren, die ich durchlesen musste. Informationen rund um Corona, die Abstrich-Stellen in Dortmund, Verordnungen, wichtige Kontaktstellen. Ich denke, nun habe ich einen guten Überblick, wie das Gesundheitsamt arbeitet. Sollte in meinem persönlichen Umfeld jemand betroffen sein, kann ich weiterhelfen und über das weitere Prozedere aufklären. 

Wie erleben Sie die Stimmung - im Amt und in der Bevölkerung?

Mir ist hier bewusst geworden, dass eine Pandemie in dieser Größe und Auswirkung für das Gesundheitsamt genauso wie für jeden Einzelnen von uns neu ist, obwohl das Gesundheitsamt mit den grundlegenden und wesentlichen Fragestellungen von Pandemieverläufen vertraut ist und weiß, welche Schritte zu gehen sind. Aber mit einzelnen Fragen ist auch das Gesundheitsamt das erste Mal konfrontiert. Ich denke, dass hier in Dortmund bisher sehr gute Arbeit geleistet wird und man die Situation im Griff hat. Bei den Menschen draußen habe ich den Eindruck, dass sich der anfängliche Aufruhr etwas gelegt hat. Es rufen inzwischen weniger Bürger bei der Hotline an.

Wird die Corona-Krise Strukturen im Gesundheitswesen dauerhaft verändern?

Ich sehe zumindest viel Potential darin, Kommunikationswege und Tätigkeiten noch effizienter zu gestalten. Wir sollten aus dieser Erfahrung lernen, reflektieren und optimieren. Außerdem finde ich es wichtig, die obengenannten Plattformen beizubehalten, damit man den Kontakt zwischen Krankenhäusern und Medizinstudenten effizient herstellen kann. Es gibt so viele Medizinstudenten, die bereit sind zu helfen! 

Wie geht es für Sie persönlich weiter?

Meine ehrenamtliche Arbeit im Gesundheitsamt werde ich definitiv weitermachen, solange ich gebraucht werde. Außerdem fange ich voraussichtlich Anfang Mai als studentische Hilfskraft in der Notaufnahme der Huyssens -Stiftung in Essen an. Ich bin sehr gespannt und hoffe, auch dabei meiner Verantwortung als Medizinstudentin nachkommen zu können.