Menschenwürdepreis

Interview mit unserem Preisträger Jagori

"Wacht auf, Frauen!" bedeutet der Name der indischen NGO Jagori, die sich seit über 30 Jahren von Delhi aus für die Frauenrechte in Indien einsetzt. 2013 wurde die Organisation in Berlin mit dem Roland Berger Preis für Menschenwürde ausgezeichnet. Die Roland Berger Stiftung sprach mit Jagori über die Stellung der Frau in Indien und darüber, wie die Organisation die Entwicklung der Frauenrechte in den vergangenen drei Jahrzehnten geprägt hat.

Seit mehr als 30 Jahren setzt sich Jagori für die Rechte von Frauen in Indien ein. Wie hat sich die gesellschaftliche Stellung der Frau – auch durch eine entsprechende Gesetzgebung – über die drei Jahrzehnte Ihres bisherigen Wirkens hinweg verändert? 

Es ist eine bunte Mischung. Vieles hat sich im Diskurs über Frauenrechte geändert, seitdem Jagori vor mehr als 33 Jahren entstand. Während dieser Zeit hat Jagori mit marginalisierten Frauen in städtischen und ländlichen Regionen vorrangig im Hinblick auf Gewalt gegen Frauen, Frauenrechte und ihre Sicherheit in öffentlichen Bereichen zusammengearbeitet.  

Ende der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre beleuchteten die Gründungsmitglieder Jagoris zusammen mit anderen Frauenorganisationen Themen wie Mitgiftmorde, Gefängnisvergewaltigungen und sonstige Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen (violence against women and girls - VAWG), über die bis dahin geschwiegen worden war. Damals noch wurde häusliche Gewalt als eine persönliche und private Angelegenheit gesehen und sexuelle Belästigung wurde nicht als Verbrechen erachtet. Im Laufe der Jahre wurden verschiedene Gesetze zur Bekämpfung von VAWG verabschiedet, die Anerkennung einer Reihe von Verbrechen gegen Frauen brachten und Möglichkeiten für Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für überlebende Frauen eröffneten. Nach 2012 artikulieren junge Frauen in verschiedenen Teilen des Landes ihre Bedenken über Vorstellungen von Autonomie, Mobilität und körperlicher Integrität.  

Die Kampagne zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist nicht länger auf Frauengruppen und Aktivisten beschränkt – mehrere neue Anhängerschaften, einschließlich Männer und Jungen, Künstler und Experten, Schüler und Studenten, Jung und Alt, erheben ihre Stimme gegen alle Formen von Gewalt gegen Frauen. Die Agenda der Sicherheit von Frauen wurde in die Programme politischer Parteien aufgenommen und Regierungen führen innovative Aktionen für die Sicherheit von Frauen durch.  

Indikatoren zeigen allerdings, dass diese Errungenschaften weit davon entfernt sind, angemessen zu sein. In letzter Zeit gibt es einen Anstieg von konservativen Formen von Identitätspolitik, die versuchen, Frauenrechte einzuschränken und ihre persönlichen und öffentlichen Rollen abzugrenzen. Offensichtlich besteht der Bedarf, neue Möglichkeiten zu finden, um das anhaftende Patriarchat zu bekämpfen, das verantwortlich für die Ungleichheit in der indischen Gesellschaft ist.  

Im Dezember 2012 blickte die ganze Welt zutiefst geschockt nach Neu-Delhi, als eine junge Studentin abends im Bus von einer Gruppe junger Männer grausam vergewaltigt und misshandelt wurde und wenig später ihren Verletzungen erlag. Zwei Jahre danach meldete sich erstmals einer der Täter in einem Interview zu Wort: "Ein Mädchen ist weit mehr verantwortlich für eine Vergewaltigung als ein Junge. Ein anständiges Mädchen ist nicht um 21 Uhr draußen unterwegs." Wie kann es in dieser von Männern dominierten Gesellschaft bei einer so frauenverachtenden Denkweise gelingen, die Sicherheit von Mädchen und Frauen nachhaltig zu verbessern? Was müsste sich an den rechtlichen Grundlagen ändern?  

Es ist ein ziemlicher guter Rechtsrahmen vorhanden. Es gibt immer noch einige Probleme mit dem Gesetz (zum Beispiel wird Vergewaltigung in der Ehe im geltenden Recht nicht als Verbrechen gesehen) und wir arbeiten weiter an ihnen. Es fehlt eine effektive Implementierung des Gesetzes, die eine unmittelbare Registrierung von Fällen, schnelle und sensible Reaktionsmechanismen sowie ein zeitnahes Urteil und eine zeitnahe Bestrafung sicherstellt. Dies liegt daran, dass Interessenvertreter selbst einer patriarchischen Denkweise unterliegen, bei der Frauen für die Gewalt beschuldigt werden, der sie ausgesetzt sind und Männlichkeitsvorstellungen die Kontrolle der Sexualität von Frauen durch Männer rechtfertigen. Selbst Waffen des Staates, wie die Polizei und die Justiz, haben von Zeit zu Zeit ihre patriarchischen oder frauenfeindlichen Werte enthüllt. Die Kultur der Straffreiheit muss in Frage gestellt und Rechenschaftspflicht gefordert werden, um alle Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu beenden.  

Um die Sicherheit von Mädchen und Frauen zu verbessern und einen langfristigen Wandel sicherzustellen, müsste die Zusammenarbeit von Institutionen gestärkt und deren Transformation gefördert werden. Wir müssen die integrierte Reaktion auf Überlebende von Gewalt stärken und sichere Orte durch Präventivarbeit schaffen. Außerdem müssen wir uns auf sich wandelnde soziale Normen und schädliche Praktiken innerhalb von Familien und Gemeinschaften fokussieren; und mit Männern und Jungen zusammenarbeiten, um die Nachteile von Männlichkeit zu prüfen und um Möglichkeiten zu erwägen, um Frauenrechte und -freiheiten zum Nutzen aller zu unterstützen.  

Der Einbezug von Frauen auf allen Ebenen im Stadtmanagement, in der Infrastruktur und in der Dienstleistungserbringung, die Schulung und Sensibilisierung von Interessenvertretern und die Unterrichtung der Öffentlichkeit sind einige Schritte, die zu einem sicheren Umfeld beitragen können. Die Förderung starker Gemeinschaften von Frauen und die Sicherstellung eines intersektionalen Ansatzes mit Perspektiven von marginalisierten Gruppen müssen ein wesentlicher Teil dieser Strategie sein.    

Fünf der insgesamt sechs Täter, die die grausame Gruppenvergewaltigung im Dezember 2012 begingen, wurden zum Tode verurteilt (Anm. der Redaktion: Der sechste Täter war zum Tatzeitpunkt minderjährig, er wurde zu drei Jahren Jugendarrest verurteilt). Anfang Mai 2017 bestätigte das oberste Gericht das Todesurteil. Wie sehen Sie dieses Urteil? Wie hat die indische Öffentlichkeit reagiert?  

Die breite Masse der indischen Bevölkerung reagierte mit einem Sinn für Gerechtigkeit und viele waren zufrieden, dass für Gerechtigkeit gesorgt wurde. Offenbar spricht sich die breite Öffentlichkeit für extreme und starke Strafmaßnahmen gegen Vergewaltigung aus, aber die patriarchischen Untermauerungen der Gewalt gegen Frauen werden weder verstanden noch in Frage gestellt.  

Während das Urteil von allen begrüßt wurde, waren viele, einschließlich Jagori, nicht mit dem Todesurteil einverstanden. Wir glauben, dass die Todesstrafe weder abschreckend noch eine wirksame oder ethische Antwort auf Handlungen sexueller Gewalt ist. Der wichtigste Faktor, der als Abschreckung dienen kann, ist die Gewissheit der Bestrafung anstatt die Schwere ihrer Form.   

Die Logik der Ahndung von Vergewaltigern mit der Todesstrafe basiert auf der patriarchischen Vorstellung von „Ehre“ und dem Glauben, dass Vergewaltigung das Schlimmste ist, was einer Frau passieren kann. Wir glauben, dass Vergewaltigung ein Instrument des Patriarchats, ein Gewaltakt, ist und nichts mit Moral, Charakter oder Benehmen zu tun hat.  

Die Tatsache, dass Vergewaltigungsfälle eine geringe Verurteilungsrate haben, zeigt, dass Täter von sexueller Gewalt einen hohen Grad an Straffreiheit genießen. Stumme Zeugen täglicher Formen von sexuellen Übergriffen wie anzügliche Blicke, Begrapschen, beiläufige Bemerkungen, Stalking und Nachpfeifen sind ebenso verantwortlich dafür, dass Vergewaltigung in unserer Kultur verankert ist und heute somit so verbreitet ist. Es besteht der Bedarf, diese Kultur der Straffreiheit auszumerzen und sicherzustellen, dass Täter gefasst und verurteilt werden.  

Nach offiziellen Angaben des National Crime Records Bureau ist die Zahl der gemeldeten Vergewaltigungen in Indien von 24.015 im Jahr 2012 auf 37.681 im Jahr 2014 gestiegen, was aber nicht darauf zurückzuführen ist, dass es zu mehr Vergewaltigungen kam, sondern dass inzwischen mehr Frauen den Mut haben, damit zur Polizei zu gehen. (Die Zahl der gemeldeten Fälle in Indien stieg von 24.923 im Jahr 2012 auf 33.707 im Jahr 2013 und auf 36.735 im Jahr 2014. 2015 gingen die Vorfälle auf 34.651 zurück). Wie greift die Polizei in solchen Fällen ein (auch im Vergleich zu vor Dezember 2012)?  

Die Daten müssen mit etwas Vorsicht gelesen werden, weil eine größere Anzahl an Vorfällen aufgrund der vorherrschenden sozialen Stigmatisierung und aufgrund unangemessener, unwirksamer oder patriarchischer Reaktionen der Polizei, der Rechtssysteme und von sonstigen institutionellen Mechanismen, die eher in der Einschüchterung und Traumatisierung des Opfers resultieren anstatt es zu heilen oder zu unterstützen, ungemeldet bleiben. Ein sensibles Umfeld und die Sicherheit einer Reaktion würden darin resultieren, dass viel mehr Frauen eine Anzeige machen würden.   

Die Polizei ergreift verspätete Maßnahmen, es sei denn, es handelt sich um einen Fall mit hoher Bekanntheit und medialer Aufmerksamkeit. Diese sind immer noch dünn gesät, dennoch ist es ermutigend festzustellen, dass es eine große öffentliche Reaktion gibt, die in Richtung Verurteilung in solchen Fällen drängt und man hofft, dass diese Ergebnisse auch für die Zukunft einen Präzedenzfall setzen werden.  

Jagori team and EC members

Wie unterstützt Jagori Frauen, die Opfer von Gewalt wurden?  

Eine Mehrheit der Frauen, die sich an Jagori wenden, sucht Unterstützung im Umgang mit Gewalt in ihrer häuslichen Umgebung – geburtlich oder ehelich. Jagori bietet ihnen einen sicheren Ort, an dem sie ihren Schmerz teilen und ihre Wunden zu heilen beginnen können.  

Durch feministische Beratung werden die Frauen ermutigt zu sprechen, zu reflektieren und ihre eigenen Entscheidungen basierend auf einem Verständnis ihrer Rechte und ohne die Angst vor Tadel oder einem Urteil zu treffen. Jagori unterstützt sie dann bei Bedarf mit entsprechender Beratung und Handlungsempfehlungen. Die Hilfestellung kann zum Beispiel Unterstützung bei der Verhandlung mit Familienmitgliedern beinhalten, sodass ihre Anforderungen von Sicherheit und Würde gewährt sind, oder den Aufbau von Stützstrukturen, wenn sich die Frau dafür entscheidet, in ein eigenständiges Leben aufzubrechen. Diese Unterstützung könnte ggf. auch beinhalten, einen Kontakt für sie herzustellen mit Zufluchtsorten, Polizei, Rechtsanwälten, Ärzten und Beratern.  

Frauen werden auch ermutigt, einer Selbsthilfegruppe für Überlebende beizutreten, wo sie voneinander lernen. Wie ein Teammitglied formulierte, „es gibt mir ein Erfolgsgefühl, wenn eine Überlebende eine andere, Gewalt ausgesetzte, Frau ermutigt, sich helfen zu lassen und sie zu Jagori bringt.“  

Mit einem Verständnis, dass Gewalt in der Familie ein Mikrokosmos der systemischen Gewalt ist, der Frauen in der Gesellschaft gegenüberstehen, arbeitet Jagori mit anderen Frauengruppen im Land zusammen, um Dienstleister zu schulen, um sich für Gesetze einzusetzen, um alle Formen von Gewalt gegen Frauen zu beenden; die Organisation nimmt auch an nationalen und globalen Kampagnen teil, wie die One Billion Rising Campaign und 16 Days of Action against Gender Base Violence, um ein umfassendes Bewusstsein für die Prävention von VAWG aufzubauen.  

2013 wurde Jagori für seinen langjährigen und unermüdlichen Einsatz für die Frauenrechte in Indien mit dem Roland Berger Preis für Menschenwürde ausgezeichnet. Wenn Sie auf Ihre Aktivitäten und Erfolge in den ersten drei Jahrzehnten zurückblicken – worauf sind Sie besonders stolz?  

Zusammen mit vielen Organisationen, Gemeinschaften und Einzelpersonen hat Jagori zu einem sichtbaren Wandel im Diskurs rund um das Leben von Frauen beigetragen. Dies ist in der Ausgabe von 1995 des Jagori-Jahresberichtes schön ausgedrückt, der seit 1988 erstellt und verbreitet wird:  

"Ich habe die Grenzen überschritten, 
bin vom Herd zur Türschwelle gelaufen, 
wir sind nicht mehr aufzuhalten;
Wir haben versprochen, die Welt zu erobern."   

Unsere Aktionen haben globale und lokale Kampagnen für Frieden, Gewaltlosigkeit und Gerechtigkeit zusammengebracht. Vor allem sind wir stolz darauf, Teil des mutigen und erkenntnisreichen Marsches an die Spitze der Frauenrechte, auf ihre unzähligen Fähigkeiten, ihre vielen Identitäten, ihre Handlungsfähigkeit, Stimme und Wahl zu sein.     

Welche Projekte hat Jagori mit dem Preisgeld der Roland Berger Stiftung realisiert?  

Das Preisgeld der Roland Berger Stiftung ermöglichte Jagori die Infrastruktur und Dienste für Überlebende von Gewalt auszubauen und trug zur Sicherstellung der langfristigen Unterhaltung des Beratungsdienstes für Frauen bei.   

Jagori baute eine Kabine auf der Terrasse seines Bürogebäudes mit dem Ziel, einen besseren und sicheren Raum für Überlebende zu schaffen. Beratungsdienste wurden gestärkt durch Vernetzung mit anderen Organisationen wie Zufluchtsorten, Helplines für Kinder, Kinderwohlfahrtskomitees, psychische Gesundheitsorganisationen, stärkere Zusammenarbeit mit den juristischen Diensten auf Staats- und Bezirksebene sowie mit anderen Organisationen. Somit wurde die Datenbank der Dienstleister gestärkt.

Wir haben uns für Beratungs- und Rechtsdienstleistungen auch mit feministischen Juristen sowie mit anderen Frauenrechtsorganisationen zusammengeschlossen, um Heilungsdienste für Personal und Überlebende anzubieten.  

Regelmäßige Sitzungen zur Sensibilisierung von Dienstleistern in den rechtlichen, medizinischen und Strafverfolgungsbehörden werden abgehalten, um eine geschlechtersensible Antwort in Fällen sexueller Gewalt sicherzustellen.   

Ein Programm für juristische und medizinische Schulung wurde eingerichtet zur Unterstützung von Freiwilligengruppen, die nun anderen Frauen in den Gemeinschaften niedrigen Einkommens, in denen sie leben, helfen.  

Ein Teil des Geldes wurde abgestellt, um ein Stammkapital zu bilden, das zur Unterhaltung des Beratungsdienstes beitragen wird.  

"Jagori" bedeutet übersetzt: "Wacht auf, Frauen!" Was will Jagori für Frauen in Indien erreichen? Was wollen Sie ihnen mitgeben?   

Ich zitiere hier aus der Dankesrede von Suneeta Dhar bei der Verleihung des Roland Berger Preises in Berlin im April 2013: "Jagori ist auf tausende Frauen in ländlichen, Stammes- und städtischen Gemeinden zugegangen, um ein neues feministisches Bewusstsein zu schaffen und um ihre eigenen Träume zu weben. Wie wir in Hindi sagen würden: ‚zindagi apni savareigein’ (sie werden ihre eigenen Leben gestalten). Jagori bekräftigt das Recht der Frauen auf Freiheit, Autonomie, und körperliche Integrität sowie auf sichere und integrative Räume, die frei von Angst und Gewalt sind." Das soll unser Vermächtnis sein – die Realisierung von Frauenrechten als Menschen, als Bürger, als Individuen – in einer Welt der Gerechtigkeit und des Friedens.  

Bei uns in Deutschland ist das vorrangige Thema der letzten zwei Jahre die Flüchtlingskrise. Deutschland hat über 1 Mio. Flüchtlinge aufgenommen und wir als Roland Berger Stiftung betreiben mehrere Wohnheime für minderjährige Flüchtlinge aus aller Welt. Wie denkt man in Indien über die Flüchtlingskrise und gibt es Schnittmengen zwischen der Arbeit von Jagori und dem Flüchtlingsthema?  

Die weltweite Flüchtlingskrise war im öffentlichen Diskurs/in den Medien in Indien nicht so sichtbar und dies könnte teilweise auf den geopolitischen Ort und teilweise darauf zurückzuführen sein, dass sie zu einem Zeitpunkt eintritt, zu dem die nationalistischen/nationalisierten Kräfte weltweit an Boden gewinnen, einschließlich in Indien. Dennoch ist die Flüchtlingsfrage nicht neu für Indien – es hat eine Flüchtlingsbewegung gegeben, nicht nur bei konkreten Anlässen des Krieges und Konflikts, sondern es hat in der Vergangenheit jedes Jahr einen kontinuierlichen Zustrom an Einwanderern aus einigen Nachbarländern gegeben. Insgesamt gibt es einen Widerstand gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, insbesondere derjenigen, die zu einer bestimmten Gemeinschaft gehören.  

Flüchtlinge sind das Ergebnis verstärkter Gewalt, Diskriminierung, Ablehnung und Unglück. Die fehlende Sicherheit zu Hause, die schwierige Entscheidung zu flüchten, erhöhte Verwundbarkeit in neuen und unbekannten Umgebungen sind nicht nur Lebenserfahrungen von Flüchtlingen, sondern schwingen auch bei vielen Frauen mit, die staatlicher, gemeinschaftlicher und familiärer Gewalt ausgesetzt sind. Die fehlende Sicherheit und Stabilität reduziert häufig die Handlungsfähigkeit, Freiheit, und Mobilität einer Person und insbesondere einer Frau sowie die Kontrolle über die Entscheidungen für ihr Leben und ihren Körper. Verdrängung resultiert häufig in der Verstärkung patriarchischer Normen, Beschränkungen und Verleugnung und löst eine gesteigerte seelische und sexuelle Gewalt auf Frauen aus. Andererseits zwingt das Zerbrechen von Familien aufgrund von Krisen viele Frauen dazu, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, auf die sie nicht vorbereitet sind.  

Jagori sieht seine Arbeit im weiteren Kontext der Sicherstellung von Bürger- und Frauenrechten, die die anfälligsten Ziele aller Formen von Gewalt und Diskriminierung sind. Jagoris Helpline bietet Beratung für Frauen an, die Opfer von Gewalt sind. Durch gemeinsame Interventionen mit Frauengruppen und sonstigen Organisationen versuchen wir, ihr Wissen über und den Zugriff auf Basisdienste, Pläne und Einrichtungen zu verbessern, und gleichzeitig auch die Rechenschaftspflicht verschiedener staatlicher und nicht-staatlicher Institute durch Perspektivaufbau, Politikbeiträge und Kampagnen zu adressieren.