Neues von unserem Preisträger WADI e.V.

Der deutsch-irakische Verein erweitert sein Engagement im Nordirak

Seit 25 Jahren setzt sich der deutsch-irakische Verein WADI e.V. für die Menschenrechte im Nahen Osten ein. In den 25 Jahren seines Bestehens hat der Verein im Nordirak eine Vielzahl an Programmen initiiert – von Aufklärungskampagnen zum Thema weibliche Genitalverstümmelung über Bildungsprogramme für Kinder bis hin zu medizinischer und psychologischer Erstversorgung jesidischer Folteropfer der Terrororganisation IS. Für seinen unermüdlichen Einsatz wurde der Verein - vertreten durch den deutschen Journalisten Thomas von der Osten-Sacken und den Iraker Abdullah Sabir - 2017 mit dem Roland Berger Preis für Menschenwürde ausgezeichnet (mehr Informationen zu den Preisträgern 2017 finden Sie hier<<). Das Preisgeld investiert WADI in die Fortführung seiner Arbeit für traumatisierte Folteropfer des IS am Jinda-Center im nordirakischen Dohuk. Darüber hinaus hat der Verein kürzlich eine neue Kampagne ins Leben gerufen – die „Non-Violence Campaign“ gegen Gewalt an Kindern.

Das Jinda-Center in Dohuk – Ein Zufluchtsort für traumatisierte Folteropfer des IS  

2015 – wenige Monate nach dem Angriff der Terrormiliz IS auf jesidische Dörfer im Nordirak im August 2014 – eröffnete WADI das Jinda-Center in Dohuk, ein Frauenrechtszentrum, in dem seither mehr als 600 jesidische Frauen und Kinder betreut wurden, die aus den Fängen des IS fliehen konnten oder freigekauft wurden. Viele von ihnen sind nach den schrecklichen Erlebnissen während ihrer Gefangenschaft höchst traumatisiert und leiden an Depressionen. Sie fühlen sich schuldig, können aber (noch) nicht in den sicheren Hafen ihrer Familien zurück, weil diese ihnen in vielen Fällen mit Unverständnis über das Geschehene begegnen. Diese Frauen finden im Jinda-Center nicht nur psychologische und physische Hilfe sowie juristischen Rat, sondern vor allem einen sicheren Ort der Begegnung, an dem sie Kraft und Zuversicht sowie den Glauben an eine Zukunft schöpfen können. Sie werden morgens aus den umliegenden Flüchtlingslagern abgeholt und in das Jinda-Center gebracht, wo sie Computer-, Handarbeits- oder Friseurkurse belegen und in einem Gewächshaus landwirtschaftliche Arbeit lernen. Auch einfache wirtschaftliche Grundkenntnisse werden den Frauen im Jinda-Center vermittelt. Durch den Verkauf der hergestellten Produkte generieren sie eigenes Einkommen, wodurch sie in ihrer Eigenständigkeit und in ihrem Selbstbewusstsein bestärkt werden.  

Traumabewältigung durch Beschäftigung – das ist die Idee des Jinda-Centers. Die vielfältigen Angebote des Zentrums haben nicht nur praktischen Nutzen für die dort betreuten Frauen, sondern helfen ihnen dabei, ihrem Leben neue, positive Inhalte zu geben und so das Geschehene zu überwinden. 

„Non-Violence Campaign“ – Neue Kampagne gegen Gewalt an Kindern  

In der Vergangenheit hat WADI mit einer Vielzahl an Kampagnen auf die verschiedenen Formen von Menschenrechtsverletzungen im Nahen Osten aufmerksam gemacht. Ein durchschlagender Erfolg war die Kampagne „Stop FGM in Kurdistan“, durch die WADI 2011 ein gesetzliches Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung in Kurdistan erwirken konnte. Im Mai 2017 hat der Verein die „Non-Violence Campaign“ ins Leben gerufen, die sich einem bis dato leider immer noch unterbelichteten massiven Problem des Mittleren Ostens widmet: der Gewalt an Kindern.

In den gesellschaftlichen Strukturen des Mittleren Ostens ist Gewalt als Erziehungsmaßnahme fest verankert. Kinder gelten als Besitz der Eltern, ohne eigenen Willen, ohne eigene Rechte. Sie kennen keine gewaltfreien Zonen, psychische und physische Gewalt, Angst und Frustration erfüllen ihren Alltag, egal ob Zuhause oder in der Schule. Zwar ist häusliche Gewalt seit 2011 in Irakisch-Kurdistan gesetzlich verboten, allerdings fehlt das Bewusstsein (und Verständnis) für die Umsetzung dieser rechtlichen Grundlage. Viele Familien leben in ständiger Bedrohung durch die Terrormiliz IS, haben Verwandte im Krieg verloren oder müssen wegen des wirtschaftlichen Abstiegs um ihr tägliches Überleben kämpfen. Die Angst um ihre Existenz und den Frust über ihre aussichtslose Situation übertragen sie in Form von Gewalt auf ihre Kinder und setzen damit einen Teufelskreis in Gang: Die Kinder reagieren mit auffälligen Verhaltensweisen, weinen viel oder werden selbst gewalttätig, was erneut gewaltvolle Reaktionen der Eltern auslöst.  

Die Spirale der Gewalt gegen Kinder im Nahen Osten wird sich nur aufbrechen lassen, wenn die gesetzlichen Grundlagen entsprechend im Bewusstsein der Gesellschaft verankert werden und das Problem als solches in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Genau das will WADI mit der „Non-Violence Campaign“ erreichen. Die Kampagne beinhaltet Seminare für Eltern, Lehrer und Kinder über gewaltfreie Konfliktlösung, juristische Aufklärung über das Gesetz Nr. 8 gegen häusliche Gewalt in Irakisch-Kurdistan, vermittelt psychosoziale Unterstützung und will Schulen motivieren, gewaltfrei zu werden. Ziel ist es, Eltern, Kindern und Lehrern durch diese Maßnahmen Möglichkeiten zur gewaltfreien Konfliktlösung aufzuzeigen und diese langfristig in der Gesellschaft zu implementieren.

Fotos (c) WADI e.V.

Weiterführende Links:

>>Nähere Informationen über die Non-Violence Campaign

>>Interview mit Thomas von der Osten-Sacken zum 25jährigen Jubiläum von WADI